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  Soldatenleben
 
Soldatenleben
 
Er sah älter aus, als er wirklich war. Der Krieg, so sagten sie, habe ihn älter gemacht. Wenn man ihn so sah, sah er aus wie ein alter, geplagter Mann. Doch in Wirklichkeit war er noch vor ein paar Tagen ein junger und stolzer Soldat gewesen, der sich, wie im tagtäglich eingebläut wurde, für eine bessere und friedlichere Welt einsetzte. Aber jetzt war von diesem jungen Mann nichts mehr zu sehen. Er war nur noch ein Häufchen elend. Das Spiegelbild seiner Umwelt.
Auf morsche Stöcke gestützt bahnte er sich seinen Weg. Vorbei an zerstörten, brennenden Häusern humpelte er langsam in Richtung eines zerbombten Platzes, in dessen Mitte ein alter, längst ausgedienter Panzer der Deutschen Wehrmacht stand. Sein Blick schweifte umher und blieb an einem Hauseingang hängen, vor dem ein blutüberströmtes Etwas lag, das nur noch schwer als Mensch identifiziert werden konnte. Die Kleidung blutgetränkt, der Kopf nicht mehr erkennbar. Nur die schlaff zur Seite hängenden Arme ließen noch darauf schließen, dass es sich einst um einen Menschen gehandelt haben musste.

Der junge Mann setzte seinen Weg fort. So, als hätte er den leblosen Körper gar nicht erst wahrgenommen. Zu oft hatte er ein solches Bild in den vergangen Monaten gesehen, als dass es ihn nun hätte schocken können.
Er erinnerte sich daran, wie er einst seinen besten Freund in den Armen hielt: die Augen weit aufgerissen, das Gesicht von den Schmerzen verzerrt. Der Mund war zum letzten Wort geöffnet, doch es ging unter in einem Kugelhagel, der erneut über ihnen einbrach. Und dann starb sein Freund. Inmitten von zig Tausend anderen Soldaten.

Der junge Mann selbst, war einer der wenigen „Glücklichen“, die lebend aus der eisigen Hölle von Stalingrad herauskamen. Er und seine Kameraden hatten den Befehl bis zum Ende des Krieges zu kämpfen. Bis zum Schluss hatte er gekämpft. Doch nicht für sein Vaterland. Nicht für seine Kameraden. Nur für sich und sein Leben. Und beinahe hätte er diesen, den schmerzlichsten von allen, Kämpfen verloren…

Eine ohrenbetäubende Explosion riss ihn aus den Erinnerungen zurück in die Gegenwart. Er sah, wie nur einige hundert Meter vor ihm ein abgemagerter, herumstreunender Hund auf eine Splitterbombe getreten war und nun leblos am Boden lag.

Der junge Mann sah aus seinen Augenwinkeln heraus, wie aus einer der Häuserruinen auf der rechten Seite eine Gruppe amerikanischer Soldaten in ihren grün-braunen Uniformen aus einem Hauseingang an die Luft traten. Einer von ihnen deutete direkt auf ihn. Fast gleichzeitig setzte ein anderer Soldat sein Gewehr an, bereit zum Schuss. Der junge Mann ließ die Stöcke wie vom Blitz getroffen fallen und hob seine Arme in die Höhe.

Ein Schuss wurde abgegeben und der junge Mann sank zu Boden…
Sein Herz schlug nur noch langsam, der Atem war flach. Er hielt die Augen geschlossen und gedachte seiner verstorbenen Freunde und Familie. Alle tot.
Seine Schmerzen wurden größer. Unerträglicher. Er wusste, dass nun seine letzten Minuten begannen. Gleich, so dachte er, werde er von all seinen Qualen erlöst sein...